Trauma verstehen: Der Körper vergisst nicht
"Der Körper erinnert sich" - dieser Satz fasst zusammen, was die moderne Traumaforschung zeigt: Traumatische Erlebnisse werden nicht nur im Gehirn, sondern auch im Körper gespeichert.
Was passiert bei einem Trauma?
Bei einer überwältigenden Erfahrung kann das Nervensystem nicht wie gewohnt reagieren:
1. Flucht oder Kampf nicht möglich → Die Energie bleibt "stecken"
2. Einfrieren (Freeze) → Der Körper erstarrt als Schutzreaktion
3. Unvollständige Reaktion → Das Nervensystem bleibt in Alarmbereitschaft
Wie speichert der Körper Trauma?
Muskuläre Spannungsmuster:
- Chronische Verspannungen (besonders Nacken, Schultern, Hüfte)
- "Schutzhaltungen" des Körpers
- Eingeschränkte Beweglichkeit
Nervensystem-Dysregulation:
- Hypervigilanz (ständige Wachsamkeit)
- Schreckhaftigkeit
- Schwierigkeit, sich zu entspannen
Körperliche Symptome:
- Verdauungsprobleme
- Kopfschmerzen
- Chronische Erschöpfung
- Schlafstörungen
Warum Reden allein oft nicht reicht
Traditionelle Gesprächstherapie arbeitet hauptsächlich mit dem "denkenden Gehirn" (Neokortex). Doch Trauma sitzt tiefer - in den älteren Gehirnbereichen und im Körpergedächtnis.
Peter Levine, Entwickler von Somatic Experiencing, sagt: "Trauma ist nicht das, was uns passiert ist, sondern das, was in unserem Nervensystem als Reaktion darauf gefangen bleibt."
Wie somatische Arbeit hilft
1. Ressourcen aufbauen
Bevor wir uns Trauma nähern, stärken wir die Fähigkeit des Körpers, sich selbst zu regulieren:
- Sichere Orte im Körper finden
- Erdungsübungen
- Atemtechniken
2. Spannungen sanft lösen
Durch langsame, bewusste Bewegungen:
- Gefrorene Muskeln mobilisieren
- Unterdrückte Bewegungsimpulse vervollständigen
- Nervensystem von Stück zu Stück zurückkalibrieren
3. Pendeln (Titration)
Wir arbeiten nie direkt mit dem Trauma, sondern pendeln zwischen:
- Ressourcen (sichere Empfindungen)
- Leichter Aktivierung (minimale Berührung des Traumas)
- Wieder zurück zu Ressourcen
So kann das Nervensystem langsam lernen, die gespeicherte Energie zu entladen - ohne überwältigt zu werden.
Wichtige Hinweise
Somatische Übungen zur Selbstfürsorge:
- Können das Nervensystem stabilisieren
- Helfen bei leichten Stresssymptomen
- Sind eine gute Ergänzung zu Therapie
Bei schweren Traumata:
- Arbeite mit einem qualifizierten Therapeuten
- Somatic Experiencing, NARM, oder andere körperorientierte Traumatherapie
- Selbstarbeit kann destabilisierend sein
Somatische Übungen ersetzen keine Therapie, können aber ein wertvoller Teil des Heilungsweges sein.